Heiß bis in die Spitzen


Titelthema a:lot 06 - Frühling 2013

Begibt man sich auf die Suche nach einer Lötstation, hängt die Antwort sehr davon ab, wen man fragt. Experten nennen einhellig und lediglich in wechselnder Reihenfolge die bekannten und etablierten Hersteller: Ersa, Hakko, JBC, OKInternational/Metcal, Pace und Weller. Sucht man jedoch im Internet nach den entsprechenden Fachbegriffen zeigt sich ein anderes Bild. Zwar tauchen auch dort die genannten Firmen auf, jedoch nicht mit derselben Dominanz. Zahlreiche andere Namen drängen sich in den Vordergrund, wobei deren Anbieter sich oftmals nicht mal die Mühe machen, ihren Produkten eine eigene Internetseite oder gar eine ausführliche Produktbeschreibung zu gönnen. Das einzige Argument, das zählt, ist der Preis. Offenbar hat es sich herumgesprochen, dass das weltweite Geschäft mit Löt- und Entlötstationen ein großes Potenzial bietet.

Tatsächlich sind Löt- und Entlötstationen hochtechnische Geräte mit einer komplexen Peripherie und einem umfangreichen Einsatzgebiet. Sie einfach nur nach dem Preis zu kaufen, kann teure Folgen haben. Im besten Fall hat der Käufer nur den Verlust des Geräts zu beklagen, im schlechtesten wird seine gesamte Produktion an Qualität einbüßen. Es lohnt sich also, die einzelnen Anbieter und ihre Geräte miteinander zu vergleichen. Warum zum Beispiel sind preiswerte Lötstationen schon ab etwa 250 Euro zu haben, während man bei anderen vierstellige Beträge investieren muss? Beide Lösungen können technisch und wirtschaftlich sinnvoll sein, wenn man vorher eine genaue Analyse gemacht hat und genau weiß, für welchen Einsatzzweck das Gerät benötigt wird.

Ein bunter Herstellermix kann teuer werden

Für Gerhard Justkowiak sind die technischen Merkmale nicht das wichtigste Kaufkriterium. „Entscheidend ist, dass die Nutzer mit den Geräten gut umgehen können, weil sie angenehm in der Hand liegen und leicht zu bedienen sind“, sagt der erfahrene Hand-Löttrainer, der von renommierten Organisationen gebucht wird. Seiner Meinung nach sollte einer Neuanschaffung deshalb unbedingt eine Testphase vorausgehen, in der verschiedene Geräte ausprobiert werden können. „Nur im täglichen Gebrauch können die Nutzer sehen, welches Gerät am besten zu ihnen passt“, sagt Justkowiak. Vor der Anschaffung neuer Geräte lohnt es sich also, sich an einen Händler zu wenden, der möglichst viele verschiedene Anbieter von Lötstationen im Programm hat.
Die Entscheidungsfindung sollte aber nicht dazu führen, dass jeder Arbeitsplatz im Betrieb mit dem Gerät eines anderen Herstellers ausgestattet wird. Der Bedarf an Verbrauchs- und Ersatzteilen ist schon bei einem einzigen Hersteller hoch, weil zum Beispiel die Lötspitzen in der Regel nicht mit allen Handstücken beziehungsweise Basisstationen kompatibel sind – geschweige denn mit denen anderer Anbieter. Je mehr Geräte verschiedener Hersteller in einem Betrieb stehen, umso höher wird deshalb der organisatorische, finanzielle und logistische Aufwand, um alle Geräte stets betriebsbereit zu halten.

Der Einkaufspreis alleine sagt nicht viel aus

Neben solchen eher weichen Kriterien müssen aber auch die wirtschaftlichen Faktoren bedacht werden. Dazu gehören zu allererst die Anschaffungskosten für die einzelnen Geräte. Zwar sind viele Geräte in Ihrer Grundfunktionalität ähnlich, dennoch fällt ein direkter Vergleich oft schwer. Zum einen haben die wichtigsten Hersteller Ihr Angebot derart breit aufgefächert, dass selbst innerhalb eines Sortiments die Unterscheidungskriterien nicht mehr klar abzugrenzen sind. Zum anderen setzen einige Anbieter auf modulare Systeme, die späteren Entwicklungen angepasst werden können. Das ermöglicht eine sehr individuelle Ausstattung, erschwert aber die Vergleichbarkeit mit anderen Geräten. Nicht zuletzt spielen auch die verschiedenen Vertriebswege eine wichtige Rolle. Während einige Geräte zu beinahe gleichen Preisen ausschließlich beim Fachhandel bezogen werden können, tauchen andere zu deutlich niedrigeren Preisen auch bei Internethändlern auf.
Selbst wenn ein fairer Vergleich des Anschaffungspreises möglich ist, hat dieser nur eine eingeschränkte Aussagekraft. Wie bei vielen anderen technischen Geräten auch, sind es vor allem die Verbrauchs- und Betriebskosten, die den Endpreis der Geräte ausmachen. Alleine bei den Lötspitzen sind die Unterschiede riesig. Während für viele Geräte Lötspitzen ab etwa vier Euro zu haben sind, kosten andere Modelle 30 Euro und mehr. Natürlich werden von den Herstellern auch hier große technische Unterschiede und eine deutlich längere Lebenszeit ins Feld geführt. Inwiefern diese Argumente für den eigenen Bedarfsfall von Bedeutung sind, sollte im Vorfeld genau geprüft werden. Neben der Lebensdauer sollte auch das Angebot an unterschiedlichen Lötspitzen in die Auswahl mit einbezogen werden. Besonders beeindruckend ist hier das breite Produktspektrum der Firma Weller, das auch bei sehr speziellen Anwendungen keine Wünsche offen lässt.

Der Kampf um Rüstzeit und Effektivität

Um die Betriebskosten zu senken, aber auch um die Lötspitzen zu schonen, sollte eine moderne Löt- und Entlötstation über eine Stand-by-Funktion verfügen. JBC schickt seine Geräte neuerdings sogar in den Winterschlaf. Dieser wird nach einer vorher vom Nutzer programmierten Zeit aus dem Stand-by-Modus aktiviert und kühlt die Lötspitzen auf Zimmertemperatur herunter. Auf diese Weise wird verhindert, dass das Ausschalten der Geräte vergessen werden kann, zum Beispiel in der Mittagspause. Gleichzeitig sind die Geräte nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz sofort wieder einsatzfähig.
Wie man nicht zuletzt an der Werbung und den Produktbeschreibungen der Hersteller sehr gut sehen kann, kommt den Rüstzeiten eine besonders hohe Bedeutung zu. Hierbei gibt es viele Faktoren zu beachten. Während einige Hersteller eine kurze Aufheizzeit als besonders wichtig hervorheben, misst Gerhard Justkowiak diesem Aspekt nur wenig Bedeutung bei. „Es dauert ohnehin einige Minuten, bis der Arbeitsplatz fertig hergerichtet ist, da spielt es keine Rolle, ob die Lötspitze in zwei oder 20 Sekunden aufgeheizt ist“, sagt der Lötfachmann. Ohne Zweifel von großer Bedeutung sind hingegen die Temperaturstabilität und die Nachheizzeit, also die Zeit, in der der Lötkolben nach seinem Gebrauch an einer Lötstelle wieder auf Betriebstemperatur ist. Diese Faktoren beeinflussen unmittelbar jeden einzelnen Arbeitsgang, sodass Verzögerungen zu einer geringeren Produktivität und einer höheren Fehlerrate führen können.

Schmaler Grad zwischen individueller Programmierung und hoher Fehlerquote

Insbesondere bei häufig wechselnden Einsatzanforderungen sollten die Lötspitzen einfach und schnell gewechselt werden können. Auch hier wird ein sehr breites Spektrum an technischen Lösungen von den Herstellern angeboten. Ein System, bei dem beide Hände oder sogar Werkzeug nötig sind, um die Lötspitze zu wechseln, wird den Nutzer vermutlich eher dazu verleiten, möglichst lange immer dieselbe Lötspitze zu verwenden – was zu erheblichen Qualitätseinbußen und einem höheren Spitzenverschleiß führt. In solchen Fällen empfiehlt sich der Einsatz eines Systems, bei dem die Lötspitzen bequem mit einer Hand gewechselt werden können, ohne dass sie dabei berührt werden müssen.
Auch die Basisstation sollte einfach und intuitiv bedient werden können, damit der Nutzer sie individuell an seine Lötprozesse anpassen kann. Andererseits haben einige Betriebsleiter wenig Vertrauen in die Programmierfähigkeiten ihrer Mitarbeiter und bevorzugen es, die notwendigen Einstellungen selbst vorzunehmen und die Geräte anschließend zu verriegeln. Diese Funktion ist bei vielen gängigen Geräten für den Industrieeinsatz inzwischen Standard. Einen ganz eigenen Weg geht hier Metcal/OKInternational. Dank der Hochfrequenztechnik lassen sich keine individuellen Einstellungen an der Basisstation vornehmen, weshalb Bedienungsfehler in Bezug auf die Temperatur von vorneherein ausgeschlossen sind.

Fachmännische Beratung sichert optimale Werkstattausstattung

Die Vielzahl an Löt- und Entlötgeräten wird von Experten sehr unterschiedlich bewertet. Während einige der Meinung sind, dass sich die einzelnen Anbieter in Qualität, Ausstattung und Service kaum noch voneinander unterscheiden, sehen andere in der Vielfalt eine große Chance für eine individuelle und bedarfsgerechte Werkstattausstattung. Tatsächlich gibt es zahlreiche Faktoren, die bei der Anschaffung solcher Geräte bedacht werden sollten. In a:lot können wir naturgemäß nur einen Überblick zum Thema geben. Zur besseren Orientierung stellen wir die wichtigsten Hersteller in einigen Kästen kurz vor. Insbesondere bei komplexeren industriellen Einsatzgebieten beziehungsweise einem hohen Investitionsvolumen lohnt es sich, den Rat eines Fachmanns einzuholen und sich individuell beraten zu lassen.


Hier finden Sie die wichtigsten Anbieter in der Einzelbewertung:

ERSA

Die Geschichte dieses Unternehmens reicht schon beinahe 100 Jahre zurück. Seit dem ersten elektrischen Lötkolben, den seinerzeit der Firmengründer Ernst Sachs patentieren ließ, hat sich das Unternehmen bis heute zu einem Systemlieferanten für die gesamte Prozesskette in der Elektronikfertigung entwickelt. Im Bereich des Handlötens bietet Ersa zahlreiche verschiedene Modelle an, wovon das Unternehmen die i-con-Serie selbstbewusst als „intelligenteste digitale Lötstation der Welt“ bezeichnet. Mit nur 30 Gramm sind die Handstücke besonders leicht; sie können mit zahlreichen Lötspitzen für gewöhnliche und sehr spezielle Anforderungen bestückt werden.

  kostengünstige Lötspitzen
  berührungslose Stand-by-Automatik
  einfache Bedienbarkeit
  umständlicher Lötspitzenwechsel


JBC

Das spanische Unternehmen ist einer der Weltmarktführer im Bereich des Handlötens. Seit über 80 Jahren entwickelt und produziert JBC technische Lösungen, die zum Teil Maßstäbe gesetzt haben. Inzwischen umfasst das Angebot drei Produktlinien: Compact Line, Modular Line und Premium Line. Auf diese Weise bietet JBC professionellen Nutzern für jede Anforderung eine geeignete Löt- beziehungsweise Entlötstation an. Wie der Name bereits andeutet, bietet die Modular Line eine hohe Flexibilität, weil sie nach Bedarf ergänzt und erweitert werden kann. Um Platz zu sparen, können die meisten Geräte übereinandergestapelt werden.

  sehr kurze Aufheizzeit (in 2 Sek. auf 350°C)
  Lötspitzen können mit einer Hand gewechselt werden
  längere Lebensdauer der Lötspitzen
  Stand-by- und Winterschlaffunktion spart Energie und schont die Lötspitzen
  kurze Rüstzeiten, hohe Effektivität
  Lötspitzen teuer


METCAL/OKINTERNATIONAL

Das US-amerikanische Unternehmen OKInternational (kurz OKI) bietet seine Produkte gleich unter mehreren Markennamen an. Im Bereich des Handlötens wird der Name Metcal als Premiummarke etabliert. Alle Systeme zeichnen sich durch eine im Markt einzigartige Technik aus, weil die Wärme nicht mithilfe eines Heizelements erzeugt wird, sondern durch Hochfrequenz. Dadurch ergibt sich eine deutlich andere Handhabung als bei allen anderen Herstellern. Die Temperatur wird nicht an der Basisstation eingestellt, sondern durch die Wahl der Lötspitze bestimmt. Bei häufigen Temperaturwechseln ist das ungünstig, andererseits sind Bedienungsfehler beinahe ausgeschlossen. Auch OKI bietet neben den Lötstationen noch eine Reihe weiterer Produkte für den Lötprozess an und gehört zu den global playern im Markt.

  einfache Handhabung, weil das Handstück kein Heizelement hat
  einfacher Lötspitzenwechsel
  Lötspitzen für die MX-Serie teuer
  für verschiedene Temperaturen sind verschiedene Lötspitzen notwendig


WELLER

Das charakteristische Hellblau der meisten Geräte dieses deutschen Herstellers ist Gerüchten zufolge ein Zugeständnis an die vielen weiblichen Arbeitskräfte beim Handlöten. Weller ist ebenfalls einer der Marktführer und genießt einen sehr guten Ruf. Die Produktpalette ist außergewöhnlich breit, sodass für jede erdenkbare Anwendung eine technische Lösung zur Verfügung steht. Außer Löttechnik bietet Weller auch Elektronikwerkzeuge, Lötrauchabsaugungen und Elektroschrauber an. Da die meisten Geräte miteinander kompatibel sind, können ganze Arbeitsplätze komplett aus einer Hand ausgestattet werden.

  sehr breite Angebotspalette
  preisgünstige Lötspitzen
  Auslesen der Gerätedaten über LAN-Anschluss gewährt hohe Prozesssicherheit
  Lötspitzen oft nur mit wenigen Basisstationen kompatibel>


Text: Volker Neumann


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